Diät – verbreiteter als gedacht
Alles ist Diät: Vegan, Laktosefrei, Glutenfrei, kein Kuchen, Detox, Challenges, Ernährungsumstellungen (auch vom Arzt verordnete). Immer wird Essen funktionalisiert. Verbotene Lebensmittel und Regeln. Über mehrere Wochen, Monate oder sogar ein Jahr lang können diese Diätphasen anhalten. Was der Unterschied zwischen Diät und nachhaltigem Essverhalten ist, erfährst du hier!
Diätmentalität

Viele Menschen beginnen Diäten nicht aus Selbstfürsorge, sondern aus Selbstablehnung. Wir wollen uns zufrieden in unserem eigenen Körper fühlen. Wir haben gelernt: Die Lösung ist eine Diätmentalität.
Nur leider führt diese künstliche Verknappung letztlich zu Reaktanz. In anderen Worten, das, was knapp ist, wird immer wertvoller. Insbesondere in Situationen, in denen wir uns belohnen möchten oder gestresst sind, sind natürlich genau die eingeschränkten Lebensmittel besonders wertvoll.
Der Bruch einer Diätregel führt dann häufig zu Kontrollverlust. Ganz nach dem Motto: Alles oder nichts, ist es auch egal, wenn ich richtig zu schlage und erst morgen wieder Diät weitermache.
Diese Essanfälle beziehungsweise Selbstsabotage führen bei vielen zu Schuld- und Schamgefühlen, weil wiedermal über den Bedarf hinaus gegessen wurde. Spätestens beim nächsten Wiegen oder Blick in den Spiegel kommt wieder die Selbstverurteilung und der Kreislauf beginnt erneut.
Wie Abnehmen ohne Diät funktionieren kann

Letztlich ist jeder Phase des Teufelskreises eine Möglichkeit auszubrechen: Arbeite an der Unzufriedenheit in deinem Körper. Hör auf, dich unter Druck zu setzen und gegen dich zu arbeiten. Hör auf, eine Diät zu machen, um deine Unzufriedenheit zu lösen. Umgang mit Schuld und Schamgefühlen und Emotionen generell.
Lerne einen intuitiven, selbstfürsorglichen Umgang mit deinen Bedürfnissen und deinem Essen. Finde deinen Genuss wieder!
All das kommt aber auch nicht von ungefähr: Erziehung, Erwartungen, gesellschaftliche Standards, Selbstwert und Selbstbewusstsein, wie du gelernt hast, mit Emotionen umzugehen.
Wenn du offen hinterfragen kannst, wie diese Ebenen mit deinem Ess- und Bewegungsverhalten zusammenhängen, können Bedürfnisse besser in Einklang mit dem Verhalten gebracht werden. Abnehmen wird so nicht zum Kampf, sondern zu einem Prozess der Selbstklärung. Gezielt auf Bedürfnisse einzugehen, ist hilfreich, um das Ess- und Bewegungsverhalten motiviert zu bleiben und bewusst zu gestalten. Außerdem kann es dazu beitragen weniger zu essen, wenn gezielt auf Bedürfnisse eingegangen wird, statt unbefriedigt irgendwann doch zum Essen zu greifen oder mehr essen zu müssen, weil das vermeintlich gesündere Essen das Bedürfnis nicht so gut befriedigen kann.
Wenn Hunger nicht das Problem ist, ist Essen auch nicht die Lösung.
Essen ist mehr als Hunger. Abnehmen gelingt selten nachhaltig, wenn Essen als Werkzeug zur emotionalen Selbstregulation dient – also wenn du isst, um Stress, Langeweile, Druck, Einsamkeit oder Überforderung zu beruhigen.
1. Verstehen, welche Funktion Essen für dich erfüllt
Die zentralen Fragen lauten:
„Warum esse ich?“, und „Was brauche ich eigentlich wirklich?“
Essen kann beruhigen, trösten, verbinden, ablenken, stabilisieren und so viel mehr.
Die Frage ist nicht: „Wie höre ich damit auf?“
Sondern: Wie kann ich mir diese Bedürfnisse auf mehr als eine Weise erfüllen?
Es geht nicht darum, emotionales Essen zu verbieten.
Sondern darum, Mitgefühl für dich selbst zu entwickeln und die eigenen Möglichkeiten zu erweitern.
2. Achtsamkeit, Genuss & Körpersignale nutzen
Eine Orientierung an körperlichen Signalen kann Pläne, Verbote und Kontrolle ersetzen und schafft Raum für neue Gewohnheiten, die sich stabil anfühlen.
Viele Menschen haben Probleme, sich „so gehen zu lassen“ und einfach ihrem Körper zu vertrauen. Das ist verständlich, denn Essverhalten ist heuristisch. Das bedeutet grob, wenn sich eine Entscheidung richtig anfühlt, behalten wir sie tendenziell bei und können das nächste Mal schneller entscheiden. Dies bildet also innere Muster, nach welchen wir Entscheidungen treffen. Diese müssen erstmal neu gelernt werden. Am Anfang ist das genauso frustrierend, wie laufen lernen. Ständig fällt man hin. Aber man lernt auch. Wichtig ist nicht das sprichwörtliche „Baby mit dem Badewasser entsorgen“. Es ist nur allzu verständlich, dass die eigene Steuerung verrückt spielen kann, wenn plötzlich gegen tiefe Überzeugungen gehandelt werden. Es ist umso wichtiger solche Überzeugungen zu hinterfragen, die sich eigentlich gegen die eigenen Bedürfnisse richten oder sehr harsch sind.
- Hunger- und Sättigungswahrnehmung
- Genussfähigkeit
- Ein Gespür, welche Lebensmittel für dich passen
- Klarheit über Stresssignale
- die Unterscheidung zwischen Hunger & Appetit
3. Selbstmitgefühl statt Druck
Eine ablehnende Haltung dem eigenen Körper gegenüber verstärkt Stress, Kontrollverlust und Perfektionismus.
Selbstmitgefühl dagegen verbessert:
- langfristige Motivation
- Frustrationstoleranz
- emotionalen Umgang mit Rückschritten
- die Bereitschaft, gut für sich zu sorgen
Dieser psychologische Boden macht Veränderungen stabil – nicht die Kalorienbilanz.
Die Krux
Abnehmen ohne Diät ist psychologische Arbeit. Psychologische Arbeit ist aber ein Prozess. Der braucht nun mal die Zeit, die er braucht. Es kann dauern, bis du in der Lage bist, dein Essverhalten effektiv zu ändern. Und auch dann, wird das vielleicht nicht das riesige Kaloriendefizit, was zum plötzlichen Abnehmen führt wie bei einer Diät.
Psychologische Arbeit braucht Zeit.
Verhaltensänderung braucht Zeit.
Auch der Körper braucht Zeit, um darauf zu reagieren.
Aber: Jede psychische Veränderung wirkt sich auf dein Essverhalten aus.
Das ist tatsächlich der effizientere Weg – er fühlt sich nur weniger nach „Diät“ an.
Abnehmen wird zu einem Marathon, den du dein Leben lang läufst – also sollte er nicht so angenehm sein und sich so stimmig anfühlen wie möglich?
Fazit: Nachhaltig abnehmen funktioniert – aber nicht mit Druck
Es geht nicht darum, Kalorien zu zählen oder dich zu kontrollieren.
Sondern darum, dein Essverhalten zu verstehen und die Einflussfaktoren im Hintergrund zu ändern, um es nach deinen realen Bedürfnissen auszurichten. Das bedeutet nicht, dass du es schleifen lassen musst, sondern, dass du dir wichtig genug bist, um freundlicher mit dir umzugehen.
Wenn du erkennst, warum du isst – und was du eigentlich brauchst – entsteht ein Weg, der sich nicht wie Kampf anfühlt, sondern wie Selbstbestimmung.
Diese Reise kann sehr herausfordernd und verwirrend sein. Such dir also einen geeigneten Ernährungsberater oder Psychologen, um dich zu unterstützen. (Wie mich zum Beispiel, oder?)
Kurzer Ausflug in die Biomedizin:
Nicht jeder Körper reagiert gleich auf Kalorienreduktion.
Es gibt evolutionär zwei physiologisch Extreme, wenn der Körper weniger Energie bekommt:
Typ 1: Der „Drossler“
- reagiert empfindlich auf zu wenig Energie
- senkt den Grundumsatz und spart Energie
- spart Energie um zu Überleben bis es wieder Essen gibt
- Schwierigkeiten, den Stoffwechsel wie bei Typ 2 anzukurbeln
➡️ Für diesen Typ funktionieren harte Restriktionen nicht genauso gut
Typ 2: Der „Ankurbelnde“
- reagiert empfindlich auf zu viel Energie
- erhöht Grundumsatz & verbraucht mehr Energie, sobald genug Energie verfügbar ist
- vermutlich war dieses extra an Energie ein Vorteil bei der Nahrungsbeschaffung
- kann den Stoffwechsel nicht drosseln, wie Typ 1 zum Überleben
➡️ Dieser Typ kommt theoretisch besser mit Diäten und Nahrungsüberfluss klar.
In der Realität ist dieser Effekt nur bei sehr wenig Menschen bedeutsam. Bei den meisten Menschen sind diese Stoffwechseltypen nicht sonderlich ausgeprägt, sodass sie meistens tatsächlich keinen ausschlaggebenden Effekt haben.
Dennoch können Reaktionsmuster dazu beitragen zu verstehen, warum Diäten so unterschiedlich erlebt werden.
Das hier war auch nur ein einziger von mehreren Argumenten, warum Diäten zum Scheitern verurteilt sind.
